Ist ständige Erreichbarkeit eine der Burnout-Fallen oder eine wichtige Tugend für heutigen beruflichen Erfolg?

Vor ein paar Tagen lief ein Beitrag im Fernsehen mit dem Titel: ’Mit dem Handy noch ins Bett – wenn der Job die Freizeit frisst’.

Sehr gerne möchte ich dieses, wie ich finde zu oft vernachlässigte Thema, einmal selber in meinen Blog-Beiträgen aufnehmen.

Es mag kulturelle, soziologische, technische und vielleicht sogar auch biologische Hintergründe geben, warum wir Menschen seit eh und je versuchen, jedwede Erreichbarkeit und somit unser Kommunikation zu fördern und stetig auszubauen.
Egal aber aus welchem dieser Gründe: Fakt ist, wir tun es!

Fakt ist aber auch, dass bei einer Vielzahl an Menschen, das Vereiteln einer ständigen Erreichbarkeit eine gewisse Angst erzeugt.
Angst von wichtigen Entscheidungsprozessen abgeschnitten zu sein, Angst keine Einsatzbereitschaft zu signalisieren und gar seinen Job zu verlieren, Angst von sozialen Systemen ausgeschlossen zu werden, Angst sich nicht ausreichend darzustellen und evtl. Anerkennung zu verlieren...einfach einmal viel, viel ANGST.

Wichtig an dieser Stelle ist aber auch die Erkenntnis, dass ein kurzzeitiges ’Ausklinken’ von solchen Zugangsmedien auch nichts hilft. (Siehe später Hinweis auf VW)
Nur weil wir lange mal nicht in unserer Email Funktion des Handys nachgeschaut haben, ist der Berg an Emails nicht geschrumpft – sondern im Gegenteil sogar gewachsen.

Im selben Moment des Einschaltens und des Aufnehmens, der in der Zwischenzeit eingelaufenen Informationen, durchlaufen wir diverseste Kommunikationsstränge, verschiedene Kommunikations-Ebenen, und ebensolche -tiefen.

Wir erhalten Informationen über das neugeborene Kind eines Arbeitskollegen, über eine Job-Offerte in Asien bis hin über eine Terminverschiebung mit einem Kunden.
Jede Information wird kognitiv als auch emotional anders verarbeitet – einige davon führen sogar zu einer deutlichen kinästhetische Response.

So oder so, aber setzt uns diese Vielzahl an unterschiedlich wirkenden Informationen unter eine Art Dauerstress, da jede Information in irgendeiner Art auch die Erwartung an eine Rückmeldung beinhaltet.
Fangen wir gerade an, diese Rückmeldungen zu geben, treffen parallel schon wieder neue Informationen ein...ein Fass ohne Boden!

Dieser Dauerbelastung, kann keiner fortwährend ohne Auswirkung Stand halten.
Was passiert kennen wir alle: das Gefühl von Erschöpfung tritt ein, die Konzentrationsfähigkeit sinkt rapide und unsere allgemeine Leistungsfähigkeit sinkt.
Burn-Out hat viele Quellen – doch das ist sicher eine davon!

Gerade Firmen, die solche ’Always On’ Mentalitäten fördern und ebensolche Mitarbeiter für ihr hohes Engagement lauthals loben, sind meines Erachtens die, welche auf Lange Sicht den Kürzeren ziehen.
Die Leistungsfähigkeit geht nicht nur zu Lasten der privaten und gesundheitlichen Situation des Arbeitnehmers, sondern vor allem auch zu Lasten der Produktivität der Mitarbeiter für das Unternehmen.

Wenn sich tatsächlich mal jemand die Mühe machte, diese Produktivitätseinbuße in Zahlen zu belegen, so würde man unmittelbar erkennen, dass diese scheinbaren ‚Performance-Peaks’, durch die ständige Erreichbarkeit um ein Vielfaches wettgemacht wird.
Die Zahl der Krankheitstage steigt, Kreativität & Innovationspotenzial sinkt auf ein Minimum und die Fluktuationsrate wächst.

Einige meiner Kunden geben zu bedenken, dass die Krankheitstage gering seien, die Fluktuationsrate im Branchendurchschnitt sei und ihre Produktivität im Verlauf der Jahre immer steigend verlaufe – Ihre Frage hier: Warum was ändern, wenn es gut läuft?

Die Antwort: weil es noch besser laufen würde!

Die Antwort zeigt aber auch eine gewisse Zufriedenheit, solange nur Wachstum sichtbar ist.
Eine moderne, innovative kaufmännische Denke aber, die Opportunitätskosten mitberücksichtigt, sieht anders aus.

Wie kommt es zu dieser fehlenden Einsicht?
Vielleicht, da die führenden Köpfe selbst ein wenig zu viel Informationen hin und her schieben, um den Gap vom Erreichten zum Möglichen wirklich und wahrhaftig zu erkennen.
Oder aber, da auch dies wieder ein Mehraufwand darzustellen scheint, der aufgrund des allgemeinen Zeitmangels und der eh schon hohen Arbeitsbelastung/Kopf nicht auch noch zu bewerkstelligen ist.

Können wir also eine Änderung herbeiführen? Geht das überhaupt?
Die Frage ist hier nicht ob das geht, sondern wie wir tun, was wir müssen!

Einige Unternehmen stehen bildlich gesprochen vor einem ‚organisatorischen Schlaganfall’ und wenn sie daran nicht zugrunde gehen wollen, bedarf es grundlegender Veränderungen in Ihrer Denke.

Einige wenige Unternehmen aber gehen diesen neuen, werteorientierten und zugleich unternehmerisch sinnvolleren Weg bereits und verlassen alte Denkmuster und Strukturen, um sich der Informationsflut und dem Umgang mit dieser anzunehmen.

Das aktuell wohl bekannteste Beispiel ist VW, die Ihre Server am Wochenende abschalten und so dem Email Austausch an diesen Tagen Einhalt gebieten.

Ich schätze den Versuch sehr, doch dies ist aus meiner Sicht für ein global agierendes Unternehmen nicht nur ökonomisch nicht sinnvoll, sondern es ist auch sonst nicht zielführend, da es das Problem nicht an der Wurzel greift

Hier wird versucht über Server Menschen dazu zu zwingen, sich anders zu verhalten.
Auch wird hier verwehrt, dass im Sinne einer Life Balance sich Führungskräfte Ihre Zeit selber einteilen können, um evtl. nachmittags mal beim Kind zu sein und Zeit mit der Familie zu verbringen und dann selber zu entscheiden abends dafür ein, zwei Stündchen für den Beruf dran zu hängen. Dieser ebenfalls wichtige Freiraum wird damit leider komplett verwehrt. Was auf der einen Seite aufgefangen wird, wird an der anderen Seite damit genommen.

Wie aber geht’s nun? Was wäre der richtige Lösungsansatz?

Meines Erachtens gibt es nur eines, was nachhaltig hilft:
Man muss bei den Menschen selber ansetzen. Man muss diese ’Informationsflut-Thematik’ Bestandteil eines jeden Führungskräfte-Trainings machen.

Eine Führungskraft, welche die aufgenommene und ausgesandte Informationsmenge selber deutlich reduziert, die nicht ständig in cc gesetzt werden möchte, die seinen Mitarbeitern dazu anrät Themen auch mal kurz persönlich oder per kurzem Telefonat zu klären, anstelle in unzähligen Email-Transfers und die auch selber am Wochenende an die Mitarbeiter keine Emails versendet – dies ist eine Führungskraft, die durch Vorleben ein Umdenken und somit einen Kulturwandel herbeiführen kann.
Ganz besonders aber geht es auch darum, durch adäquates Verhalten und durch geführte bzw. verbindende Kommunikation den Mitarbeitern die eingangs beschriebene Angst zu nehmen, vor den vermeintlichen Konsequenzen einer nicht Erreichbarkeit.

Wichtig ist, dass es in Organisationen zu diesem Umdenken kommt – nicht alles muss per Email, SMS kommuniziert werden und nicht alle Informationen sind wichtig!

Die Möglichkeit am Folgetag morgens meinem Kollegen die Antwort zu seiner am Vortag gestellten Frage persönlich zu geben – beim Gang an die Kaffeemaschine oder beim gemeinsamen Mittagessen in der Kantine – sollte durchaus einfach mal wieder in Betracht gezogen werden.

Was ist sonst noch möglich?

Viele meiner Kunden denken zur Zeit darüber nach, sich Rückzugsorte einzurichten – Räume zu gestalten, die keinen Meetingraumcharakter haben und in denen man auch mal in Ruhe ohne Email-Verkehr bzw. Raumtelefon arbeiten kann.
Auch Email freie Tage sind möglich. Nur sogenannte URGENT Emails, die den Versandt am gleichen Tag bedingen, dürfen versandt werden – damit dürfen die Mitarbeiter lernen, wichtige Emails von unwichtigen zu unterscheiden....und raten Sie mal, was diese feststelle werden...

RICHTIG: nur WENIG ist wirklich WICHTIG!

In diesem Sinne, Ihnen eine erfolgreiche Woche mit vielleicht ein bisschen mehr Augenmerk, auf die auch Sie umgebende Informationsflut.

Herzlichst
Ihre Alexandra Kröger